Herr Schablitzki, woher kam der Begriff "Männersender" für Nitro? 

2012 sind wir in einem noch weniger stark fragmentierten Markt gestartet – damals noch unter dem Namen RTL Nitro. Die Stärke von RTL Deutschland lag vor allem in der Dominanz bei weiblichen Zuschauern. Die Gründungsidee für den neuen Sender bestand in dem Wunsch, auch programmliche Schwerpunkte für ein männliches Publikum setzen zu können. Als "Männersender" wurde Nitro damals jedoch noch nicht betitelt. 

Sie sprachen damals vom "Fernsehen für Helden".

Genau. Unser Fokus lag zwar auf der männlichen Zielgruppe, aber unser erstes Erfolgsgenre – Krimi-Serienklassiker im Tagesprogramm – war strukturell eher ausgeglichen als männlich. Das war Fluch und Segen zugleich: Durch Programme wie "Detektiv Rockford", "Drei Engel für Charlie" und "Quincy" sind wir zwar schnell gewachsen, der Anteil des weiblichen Publikums lag jedoch oft höher, als wir ihn haben wollten. Mit zunehmendem Wachstum wurde uns also klar: Wenn wir Männer erreichen wollen, müssen wir etwas grundlegend ändern.

Wann kam diese Erkenntnis?

Der Turning Point war der Jahreswechsel 2016/17. Wir hatten gerade erstmals ein Plateau in den Quoten erreicht und zudem nach der Neuauflage von "Tutti Frutti" das Gefühl, dass Retro als einziges Alleinstellungsmerkmal zu wenig ist für weiteres Wachstum. Das führte im Sommer 2017 dazu, dass wir mehr in männliches Factual Entertainment investiert haben sowie in Sport – mit der Premiere des 24h Rennens am Nürburgring. Am Ende des Prozesses wurde aus RTL Nitro noch Nitro - ein "Männersender".

 

"Klassiker sind erfolgreich – das gilt gestern wie heute."

 

Der Sport ist bis heute geblieben. Welcher Strategie folgen Sie? 

Sportrechte sind für unsere Strategie wichtig, waren aber auf dem Weg oft unerschwinglich für uns. Unser erster Erwerb waren die Fußball-Rechte an den nichtdeutschen Qualifikationsspielen für die Europa- und Weltmeisterschaft; damals noch wenig begehrte Rechte im Markt. Ich erinnere mich an Spiele im Luxemburger Josy-Barthel-Stadion mit Nieselregen und einem Marktanteil unter einem Prozent. Im Laufe der Zeit haben wir für die Qualifikationsspiele immer mehr Fans gewonnen, bis wir im November 2017 mit dem Spiel Italien gegen Schweden über drei Millionen Zuschauer in der Spitze erreicht haben und sogar Marktführer im deutschen Fernsehen waren - für immerhin 15 Minuten. (lacht) 

Was folgt daraus?

Rechte mit Potenzial erwerben und selbst zum Erfolg entwickeln ist ein wesentlicher Bestandteil der Nitro-Strategie. Und eine eigene Erzählweise bzw. Form finden: Beim 24h-Rennen haben wir der Bedeutung des Rennens als Fan-Event Rechnung zu tragen versucht, indem wir über 26 Stunden live gesendet haben. Damals Free-TV-Rekord weltweit. Bei der Europa League haben wir die Mannschaft von Eintracht Frankfurt auf ihrem Weg ins Halbfinale in jedem Spiel in den 48 Stunden vor Anpfiff begleitet und in der Dokumentation "Countdown für Europa" gezeigt – mit vielen intimen Momenten auf dem Trainingsplatz, in der Kabine und im Hotel. Und lange, bevor dasselbe mit Dortmund, Bayern oder dem FC Köln gemacht wurde. In der aktuellen Saison inszenieren wir die komplette Europa League zwischen RTL und Nitro im Free-TV sowie dem umfassenden Spiele-Angebot bei RTL+ - live, Konferenz, im Talk und mit Highlights. Eine spannende und reizvolle Aufgabe, wenn man dem Ruf als streamender Broadcaster gerecht werden will. Das Finale der Europa Conference League werden wir übrigens bei Nitro zeigen.

Das Experiment "Bundesliga" hat dagegen nicht so recht gezündet. 

Zugegeben. Trotzdem war "100% Bundesliga" ein wichtiger Schritt, mit dem Nitro auch gewachsen ist. Über vier Saisons hinweg musste jeden Montagabend eine große Live-Produktion auf die Beine gestellt werden. Woche für Woche haben bis zu 80 Leute mitgewirkt. Mit Laura Wontorra, Steffen Freund, Thomas Wagner und Marco Hagemann haben wir moderativ eine starke Marke gesetzt. Und dass trotz der geringen Zuschauer-Resonanz alle bis zur letzten Sendung alles gegeben haben – für diesen Spirit empfinde ich bis heute großen Respekt.

10 Jahre Nitro © RTL Kein Aprilscherz: Am 1. April 2012 ging Nitro auf Sendung - damals noch mit dem Zusatz RTL im Namen.

RTL Deutschland investiert immer mehr in den Streamingdienst RTL+. Worin bestehen die Synergien?

Das Zusammenspiel zwischen RTL+ und den linearen Sendern funktioniert bestens. Daran partizipiert auch Nitro. Ein Beispiel: Unsere Erfahrungen mit "Countdown für Europa" haben wir in die Entwicklung der RTL+-Langzeitdoku über den MSV Duisburg eingebracht, deren erste Folgen kürzlich online gegangen sind. Aufgrund der positiven Resonanz im Streaming überlegen wir nun, wie wir das Format ins Free-TV holen können.

Im Fiktionalen funktioniert dagegen vor allem das, was alle kennen. Braucht's da überhaupt neues Programm?

Klassiker sind erfolgreich – das gilt gestern wie heute. Trotzdem versuchen wir weiterhin, in der US-Fiction neue Reize zu setzen mit Deutschlandpremieren von Serien wie "S.W.A.T." oder "Leverage 2.0", das im Sommer bei Nitro startet. Es gilt, hin und wieder auch Anlässe zu schaffen, damit über den Sender geredet wird. In der Vergangenheit ist uns das beispielsweise mit den Premieren von "Modern Family" oder "Breaking Bad" in Erstausstrahlung gut gelungen. Ob die Serie dann stets beim Publikum reüssiert, ist eine andere Frage. Das ist in der heutigen, stark fragmentierten Fernseh- und Streamingwelt zudem noch deutlich schwieriger als vor zehn Jahren.

Vor zweieinhalb Jahren sagten Sie, dass es Ihnen mit Blick auf Factual Entertainment darum geht, eigene Protagonisten als Stars zu etablieren und neue Formate an den Start zu bringen. Was ist daraus geworden?

Wir sind auf einem ziemlich guten Weg. Es gibt inzwischen eine Reihe Eigenproduktionen in unserem Programm, mit denen wir teilweise schon in die zweite oder dritte Staffel gehen, "Die Tuning Profis" etwa, "Die Autohändler", "Miniaturwunderland XXL" oder "Die Ostseetaucher". Das sind Themen und Protagonisten, die uns gut zu Gesicht stehen.

Bislang laufen diese Formate am Wochenende vor allem tagsüber. Was ist da das Ziel mit Ihren Dokusoaps?

In absehbarer Zukunft sollen diese Formate auch die Zugkraft entwickeln, in der Primetime bestehen zu können. Inhaltlich setzen sie auf der Realität auf, sollen mit Leichtigkeit erzählen, und wir möchten Überinszenierung wie bei einigen amerikanischen Vorbildern vermeiden. Echtes Leben durch die männliche Brille sozusagen. Dass dann daraus auch etwas Ernstes entstehen kann, zeigt die Doku-Serie "Abgeschleppt" von Spin TV, die im ersten Halbjahr bei uns an den Start geht. Als einer der Protagonisten zu einem Flut-Einsatz ins Ahrtal aufgebrochen ist, haben wir spontan ein Zwei-Stunden-Special dazu in Auftrag gegeben, das wir im Sommer zum Jahrestag der Flut ausstrahlen werden. 

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  • 10 Jahre Nitro

    RTL Nitro nahm am 1. April 2012 mit dem Psychothriller "One Hour Photo" den Sendebetrieb auf. Drei Jahre später gelang es dem Free-TV-Sender erstmals, sich auf Monatsbasis gegen den Konkurrenten DMAX durchzusetzen. 2017 erhielt Nils Bomhoff den Deutschen Fernsehpreis für seine Moderation beim "Nitro Autoquartett". Im selben Jahr sorgte das WM-Qualifikationsspiel zwischen Italien und Schweden mit bis zu 3,15 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauern für einen Quoten-Rekord.

Hat auch Vox Up, Ihr jüngster Senderspross, seine Farbe gefunden? 

An Vox Up zu arbeiten macht sehr viel Spaß, ist aber deutlich komplexer als etwa bei Nitro, weil Vox und Vox Up gemeinsam vermarktet werden und wir zwar dieselbe Zielgruppe, aber eine komplementäre Programmierung anstreben. So gesehen ist die Farbe von Vox Up viele Facetten des Rots von Vox.

Wie viel Raum für eigenes Programm ist denn bei Vox Up überhaupt?

Unser erstes großes Ziel war, Vox Up zur Adresse für US-Fiction zu machen – eine Farbe, für die Vox lange stand und auch heute noch steht, wenn auch mit reduzierterem Angebot. Diese Lücke schließen wir und bieten inzwischen an fünf von sieben Abenden Serien. Und am 20. April startet unsere erste Eigenproduktion, "Hilfe, die Camper kommen!". Unterm Strich schaffen Premieren wie diese vor allem Aufmerksamkeit – und das ist wichtig für einen immer noch neuen Sender.

Welche Baustellen gibt es bei Vox Up?

Auch wenn vieles schon funktioniert: Ich würde mir wünschen, dass wir das Themenfeld "Kochen & Essen" etablieren. Es ist eine so zentrale Farbe für Vox – bei Vox Up fehlt sie Stand heute noch.

RTL Up startet ein Schlagerradio

Wie sieht es bei RTL Up aus, Ihrem Sender für die ältere Zielgruppe?

Einerseits ist der Sender sehr erfolgreich, er steht in diesem Jahr schon bei zwei Prozent bei den 14- bis 59-Jährigen. Und der Sender hat eine Kernzielgruppe, die lineares Fernsehen liebt und große Treue beweist. Woran wir noch arbeiten, ist das eigene Gesicht: hier haben wir mit Gesundheit und Schlager erste Akzente gesetzt. Gerade letzteres war richtig, weil diese Musikrichtung dem Sender ein Alleinstellungsmerkmal gibt. Das ist auch der Grund, weshalb wir in den nächsten Wochen unser RTL-Up-Schlagerradio starten werden, "Schlagerliebe".

Ein klassischer Radiosender mit Moderation?

Im ersten Schritt soll es ein Musikangebot sein mit vereinzelten Beiträgen und Einspielern. Perspektivisch möchten wir das aber gerne ausbauen.

Bei der ARD gibt es derzeit die Diskussion, ob es einen kleinen Sender wie One überhaupt noch braucht, wenn doch ohnehin alles jederzeit abgerufen werden kann. Können Sie dieser Diskussion mit Blick auf Ihre eigenen Spartenkanäle etwas abgewinnen?

Aus heutiger Perspektive haben unsere Spartensender eine klar definierte Funktion: Wir generieren Reichweite jenseits der großen Angebote von RTL und Vox. Das gilt sowohl defensiv: wir halten Zuschauer bei den Angeboten von RTL Deutschland, wenn sie mal von einem unserer großen Sender wegschalten. Es gilt aber auch offensiv: wenn es Nitro beispielsweise gelingt, mit jüngeren Männern, rare Zielgruppen besser zu erschließen. Wie diese Diskussion in zehn Jahren geführt wird, wer kann das heute schon seriös voraussagen.

Wie stark kann Nitro noch wachsen? 

Vor ein paar Jahren hätte ich mich nicht getraut, einen Marktanteil von 2,2 Prozent als Ziel auszurufen. Das haben wir geschafft und sind schon ein bisschen stolz darauf. Gleichzeitig können immer höhere Marktanteile nicht immer das alleinige Ziel sein. Wir müssen auch qualitativ wachsen – mit den richtigen Inhalten für die gewünschten Zielgruppen, die wir im Auge haben. Das finde ich noch wichtiger.

Herr Schablitzki, vielen Dank für das Gespräch.