Es gehörte in den vergangenen Jahren zum guten Ton in der Fernsehbranche, sich über die Fernsehmessen in Cannes aufzuregen. Über die MIPCOM im Herbst, insbesondere aber die MIPTV im Frühjahr, die zwar eigentlich eine längere Historie hat, aber schon lange zur kleinen Schwester der Herbst-MIPCOM geworden ist. Immer weniger sei los, auch weil sich die Hollywood-Studios wegen ihrer eigenen LA Screenings zuletzt die Frühjahrsmesse in Südfrankreich sparten und ohnehin kaum jemand noch zu Messen fährt, ohne die meisten verfügbaren Programme nicht vorher schon gesehen zu haben. Ja, dieses Internet macht's möglich, und überhaupt: Früher war mehr Lametta.

In den kommenden Tagen findet jetzt zum dritten Mal nur eine digitale Version statt: Wie schon die MIPTV vor einem Jahr und auch die MIPCOM im vergangenen Herbst, bei der sich Veranstalter Reed Midem noch sehr lange an die Hoffnung auf einen Event vor Ort klammerte, gibt's auch die MIPTV 2021 nur digital. Eine weitere von vielen Veranstaltungen, die in den vergangenen gut zwölf Monaten diesen Weg gegangen sind.Längst ist aber deutlich geworden: Trotz der Begeisterung über die technischen Möglichkeiten vermag die Verlagerung ins Digitale nicht das zu leisten, was Cannes kann.

Was Messeveranstalter Reed Midem aus eigennützigen Gründen seit Jahren schon als Argument für seine Events anführt, aber oft abgetan wurde mit einem "Was sollen sie auch sonst sagen", ist jetzt spürbar: Der Wert des ganz realen Networking. Oder weniger gestelzt formuliert: Der persönliche Austausch. Digitale Verabredungen zu fixen Zeiten, an denen sich zwar alle von überall zuschalten können und ein Networking damit vermeintlich offener wird als bei einer Präsenzveranstaltung, die höhere finanzielle und organisatorische Hürden bedeutet, lassen jedoch ein ganz elementares Detail außen vor: Den Zufall. Er lässt sich nicht terminieren, nicht fixieren. Und er ist es, den die Fernsehmacherinnen und -macher vermissen, wenn man sie in den vergangenen Wochen auf Cannes anspricht.

Ob man in München mit Leonine-CEO Fred Kogel spricht oder in Köln mit Banijay-Productions-Geschäftsführer Arno Schneppenheim. Ob man Petra Müller von der Film- und Medienstiftung NRW in Düsseldorf fragt oder die UFA in Berlin: Es sind die Abende in den Straßen und Gassen von Cannes, wo man ebenso wie an der Strandpromenade an den Tagen der Messe keine 200 Meter laufen kann, ohne jemanden zu treffen. Und das ganz ohne Invite, Zoom-Link und Termin-Blocker - sondern entspannt mit einem Glas in der Hand oder einer Tasse Kaffee. Zugegeben, die langen Nächte von Cannes und der Kater am Morgen danach basieren selten auf Koffein-Konsum, haben aber schon einige Zusammenarbeiten besiegelt und Ideen entstehen lassen. Und das oft in unerwarteten Konstellationen, wenn Kreative und Führungskräfte aus aller Welt aufeinander treffen. 

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein

Im Digitalen mag der kreative Nachwuchs in der Theorie ja nur einen Videocall entfernt sein vom nächsten Auftrag, neuen Geschäftsbeziehungen oder dem großen Durchbruch. Doch in der Praxis ist es härter, denn der digitale Austausch funktioniert am besten unter Kolleginnen und Kollegen bzw. Geschäftspartnerinnen und -partnern, die sich kennen. Ein Wettbewerbsnachteil für alle, die neu rein wollen. Das Onboarding neuer Kolleginnen und Kollegen ist nicht ohne Grund eine der größten Herausforderungen für Personalabteilungen in der Pandemie. Zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Es sind magische Worte, die den Ursprung von so mancher Idee, so manchem Projekt bilden. Alles terminieren zu wollen eliminiert den Zufall.

Das galt schon vor der Corona-Pandemie und führte bei den Fernsehmessen in Cannes zum glücklichen Umstand, dass vor Ort ein spontaner Kaffee so viel einfacher war als in Deutschland Termine zu vereinbaren, weil für Cannes der Kalender freigeräumt wurde. Messen wie die MIPTV und MIPCOM waren immer auch geschäftlicher Eskapismus, eben eine Klassenfahrt für die Branche - trotz allem Nörgeln über die schrumpfende Frühjahrs-Messe. Und kurioserweise könnte die Streaming-Offensive der Hollywoodstudios letztlich sogar der Frühjahrs-MIPTV helfen: Wenn die sonst im Mai abgehaltenen LA Screenings mangels verkaufsbarer Ware nicht wiederbelebt werden sollten, könnte die MIPTV zum Austausch mit Geschäftspartnern auch für die US-Amerikaner wieder spannender werden.

Es ist ein Jahr, dass die Fernsehbranche - wie viele andere - das Home Office in ganz neuem Ausmaß erlebt hat und Videokonferenzen ihren Durchbruch feierten. Zügig, nur wenige Wochen nach Beginn der Pandemie, galt unisono das Mantra: Das viele Reisen hat sich damit dann erledigt. Nun, ein Jahr später, wäre ich mir da nicht mehr so sicher. Interne Termine mag man digital abhalten können, doch sobald es um den Austausch mit Anderen geht; um das Knüpfen neuer Kontakte, da zeigt sich in der Fernsehbranche eine Sehnsucht, die vorher niemand für möglich gehalten hätte. Cannes wird eben doch vermisst.

DWDL.de wird in den kommenden Tagen die Veranstaltungen der digitalen MIPTV begleiten und sich aus mehreren Perspektiven mit dem Status Quo des internationalen TV-Handels beschäftigen. Ein klassisches MIP-Special auf der Website gibt es hoffentlich wieder im Herbst, ebenso wie den von DWDL.de unterstützten German MIP Cocktail.