Herr Winger, im September 2018 hieß es, Sie gründen ein eigenes Label. Das ist fast zwei Jahre her. Warum hat es so lange gedauert?

Die Entscheidung fiel eigentlich schnell. Ich habe mich unter den verschiedenen Möglichkeiten, die sich mir boten, dafür entschieden einen kreativen Neuanfang innerhalb des vertrauensvollen Verhältnisses mit Nico (Nico Hofmann, Anm. d. Red.), der UFA und Fremantle umzusetzen. Bis vor zwei Wochen war ich aber noch intensiv mit der finalen Staffel unserer „Deutschland“-Trilogie beschäftigt. „Deutschland 89“ war übrigens - in Zusammenarbeit mit UFA Fiction - auch schon das erste Projekt der Big Window Productions, wie das neue Label heißt. Und ab jetzt agieren wir unter eigener Flagge im Markt und fokussieren uns aus Berlin heraus auf internationales High-End-Drama.



Sie sind damit aus der Geschäftsführung der UFA Fiction ausgeschieden?

Richtig. Ich habe in der Zeit als Geschäftsführer der UFA Fiction gemerkt, dass die kreative Projektarbeit unverändert das ist, was mich am meisten antreibt, aber die Führung eines so großen Produktionshauses viel administrative Verantwortung darüber hinaus bedeutet. Für mich persönlich ist die Konzentration auf eine kleinere Einheit, wo ich näher an den Stoffen sein kann, der richtige Weg.

Deshalb die Frage: Ist Big Windows Productions sozusagen das neue Teamworx?

Ein kleineres Label mit stärkerer Spezialisierung legt den Vergleich nahe, aber es ist eine andere Zeit als damals bei der Teamworx-Gründung. Das, womit Teamworx einst den deutschen Markt bereichert hat, ist inzwischen bei UFA Fiction zuhause. Aber der Serienmarkt ist internationaler geworden und wir wollen Projekte mehrsprachig aus Berlin heraus entwickeln und produzieren, für alle internationalen Partner. „Deutschland“ hat die Tür für deutsche Serien in der Welt aufgeschlossen. Die Serie ist weltweit beliebt, und hat uns zum Beispiel in den USA den direkten Zugang zu allen Playern ermöglicht.

Wie passt der Markenname Big Window Productions zur One UFA-Strategie?

Mein Vater sagt immer, Unternehmen zentralisieren und dezentralisieren, das sei wie ein- und ausatmen. In der ultrabeschleunigten und komplexen Welt, in der wir leben, ist es jedenfalls immer klug, schnell und flexibel auf neue Situationen zu reagieren. Als Bindeglied zur UFA arbeite ich auch eng mit meinen Co-Geschäftsführern Sebastian Werninger und Philipp Driessen zusammen, und bei Fremantle mit Sarah Doole und Christian Vesper.

Wie sieht das Team von Big Window aus?

Zum Produktionsteam gehört Imran Khan, Amerikaner mit pakistanischem Hintergrund, als unser Head of Development. Er hat in den USA bei verschiedenen Studios gearbeitet, bevor er dann für einige Zeit bei Google war und jetzt zurück wollte zum Geschichten erzählen. Als Producerinnen sind Naomi Marne, die auch Producerin der „Deutschland“-Trilogie war, und Yakira Traub dabei. Ein Team mit sehr verschiedenen biographischen und kulturellen Hintergründen, was mir für die Auswahl und Entwicklung unserer Stoffe sehr wichtig ist.

Big Window
Jörg Winger und sein Team: Yakira Traub, Imran Khan und Naomi Marne (v.l.n.r.)

Jetzt gibt es gerade mit dem Ansatz, aus Berlin heraus für den internationalen Markt zu produzieren, ja durchaus auch andere Firmen. Beispielsweise Studio Airlift von Ihrer Frau Anna Winger. Verschärfter Wettbewerb am Küchentisch?

Das ist kein Zündstoff, weil wir nicht gegeneinander arbeiten. Wir verstehen uns nach wie vor als Partner, und vielleicht koproduzieren wir auch mal was. Anna ist die Unabhängigkeit von großen Strukturen sehr wichtig, deswegen ist Studio Airlift für sie der richtige Weg. Wir sind Teamarbeit gewöhnt. Für Anna hat sich mit Studio Airlift bei „Unorthodox“ für Netflix eine tolle Chance geboten, so dass ich bei „Deutschland 89“ dieses Mal zusätzlich das Head Writing übernommen habe. Wir sitzen also weitgehend friedlich gegenüber oder nebeneinander am Küchentisch, machen Sie sich da bitte keine Sorgen.

Ein neues Projekt von Big Window Productions wird „Der Dschungel“ für TNT Serie, wobei der Titel beinahe etwas in die Irre führt…

Eines meiner Lieblingsthemen, auch als Ökonom, ist der institutionelle Wahnsinn. Und Fleisch war schon vor der Corona-Krise für mich ein Thema: es fokussiert so viele Themen unserer Zeit wie unter einem Brennglas. Vom Hyperkapitalismus über Tierschutz, Klimawandel, Migration bis zu Ernährung und Gesundheit – fast nichts bleibt unberührt. Darüber habe ich schon länger nachgedacht. Als ich dann vor einigen Wochen auf einer Autofahrt von Berlin in die Eifel war, um dort meine Eltern zu besuchen, kam aus aktuellem Anlass ein Radio-Feature nach dem anderen über die Fleischindustrie. Und plötzlich war der Aufhänger da, das komplexe Thema im Mikrokosmos einer Fleischfabrik zu erzählen. Wir haben ein bisschen rumtelefoniert und bei Anke und Hannes (Anke Greifeneder und Hannes Heyelmann, WarnerMedia Deutschland, Anm. d. Red.) hat die Idee sofort gezündet, weil sie zu den Partnern gehören, die schnell Leidenschaft für außergewöhnliche Themen entwickeln können.

Verfolgt man die reale Inspiration für die Serie, dann besteht aber doch die Gefahr, dass Gut und Böse recht einfach zu identifizieren sind.

Und das wird sicher nicht so sein, weil wir das Thema aus mehreren Blickwinkeln betrachten und uns mit der Frage von Verantwortung beschäftigen, und das hat auch mit der deutschen Gier nach einer billigen Bratwurst zu tun. Das wird aber keine Volksbelehrung, und auch keine Dokumentation.  Wir haben schon einen kommunistischen ostdeutschen Spion zum Helden gemacht. Überraschend unkonventionell können wir.

"Bei jeder guten Serie muss mehr Geld bei den Autorinnen und Autoren landen als bei Juristen."

Wie schreibt man eine Serie, inspiriert von einer wahren Begebenheit? Wie viel fiktionale Freiheit hat man?

Wir verfilmen ja nicht die Realität. Die Probleme mit zu günstigem Fleisch gab es schon lange vor Corona, aber die Krise hat das Thema jetzt ans Licht gezerrt und plötzlich schauen wir genauer hin, und zwar nicht nur in Deutschland. Auch in den USA, Brasilien und anderen Ländern, was den Stoff international relevant macht. Die Corona-Pandemie wirft die Frage auf: Wie hoch ist der Preis, den wir alle bezahlen, um wenig bezahlen zu müssen? Und jetzt kreieren wir gerade ein Figuren-Ensemble, das in verschiedenen Positionen mitten in diesem Drama steckt. Wir sehen jede einzelne Figur nicht als Schablone, sondern als Menschen, die zu ihrem ganz eigenen Moment der Wahrheit finden. Jede hat ihr Dilemma, und inneren Konflikt. Wir wollen, dass unsere Zuschauer für jede Figur Empathie entwickeln können – das ist unser Ansatz. 

Was wird denn bei dem Thema mit seinen Parallelen zu realen Firmen und Personen mehr Geld kosten: Der Writers Room oder die Juristen?

(lacht) Wie gesagt: Wir werden fiktiv erzählen. Bei jeder guten Serie muss mehr Geld bei den Autorinnen und Autoren landen als bei Juristen.

Jetzt lebt die Idee auch vom Momentum. Wie zügig kann man produzieren und die Serie fertig haben?

Wir haben uns einen sehr ehrgeizigen Zeitplan gesetzt. Wir sind derzeit mitten in der Entwicklung und bereits im Herbst soll gemeinsam mit TNT Serie die Entscheidung fallen, ob „Der Dschungel“ in Produktion geht. Bei einer positiven Entscheidung würde TNT Serie eine Ausstrahlung schon Ende 2021 anpeilen.

Wie hat die Corona-Pandemie jetzt nicht inhaltlich, sondern operativ die Arbeit von Big Window beeinflusst?

Wir hatten bei „Deutschland 89“ wirklich Glück. Wir hatten fertig gedreht, noch unter normalen Bedingungen, und haben uns dann bei der Postproduktion leicht befremdlich gewundert, wie oft sich im abgedrehten Material Menschen ins Gesicht fassen und die Nähe zueinander suchen. Während wir alle streng getrennt in verschiedenen Stadtvierteln per Videokonferenz im Schnitt waren. Was natürlich nicht die ideale Arbeitssituation war, wie man sich denken kann. Aber wir haben es geschafft.

Und bei „Der Dschungel“?

Ein bisschen Zeit haben wir ja noch. Ich bin noch optimistisch, dass wir in Deutschland bei einer erfolgreichen Bekämpfung des Corona-Virus durch Tracking&Tracing eine zweite Welle verhindern können und bald hier bei uns unter den neuen „Normal-Bedingungen“ produzieren können. Wie das unter diesen Umständen möglich ist - da lernen wir alle in der Branche, glaube ich, gerade von Woche zu Woche dazu. Aber natürlich kann gerade keiner mit Sicherheit sagen, was noch kommen wird und wie der nächste Winter aussehen wird.

"Möglicherweise werden amerikanische Projekte verstärkt in Europa gedreht."

Sollte Deutschland bzw. Europa sich schneller erholen als die USA bzw. Hollywood: Liegt darin auch eine Chance für Serien aus Deutschland bzw. Europa, weil US-Nachschub länger auf sich warten lässt?

(überlegt) Kann ich mir durchaus vorstellen. Wir sind viel im Austausch auch mit Partnern in Los Angeles und Anfang Juli war die Stimmung dort noch optimistischer als heute. Ich würde nicht davon ausgehen, dass in den kommenden Monaten in Kalifornien schon wieder unter verantwortbaren Bedingungen produziert werden kann. Im gerne genutzten Kanada lässt sich derzeit aufgrund von Reisebeschränkungen auch nicht uneingeschränkt arbeiten. Möglicherweise werden amerikanische Projekte verstärkt in Europa gedreht oder das Geld geht, wenn wir von Koproduktionen sprechen, in Produktionen, die ohnehin mit europäischen Crews entstehen. Das käme englischsprachigen Entwicklungen, von denen wir bei Big Window einige in der Pipeline haben, zugute. Vielleicht gibt es da jetzt tatsächlich eine Chance, die noch größer ist als unter normalen Bedingungen.

Gibt es denn über „Der Dschungel“ und „Deutschland 89“ hinaus Projekte von Big Window über die Sie etwas sagen können?

Ja, wir entwickeln aktuell die deutsch-französische Serie „Ouija“ gemeinsam mit Thomas Bourguignons Produktionsfirma Kwaï für France Télévision und haben bereits zwei Episoden geschrieben. Da geht es um einen deutsch-französischen Schüleraustausch und eben das ominöse Ouija-Board, mit dem Teenager gerne mal Kontakt mit verlorenen Seelen suchen. Und in Zusammenarbeit mit Tyron Ricketts und seiner Panthertainment arbeiten wir an der Miniserie „Ein Sachse“, beruhend auf der wahren Geschichte des afrodeutschen Polizisten Samuel Meffire. Und es gibt dann aktuell noch u.a. „Oculus“, ein zeitgenössischer amerikanischer Thriller in Berlin sowie eine feministische Horrorserie. Big Window ist darauf ausgelegt, ungewöhnliche Welten aus ungewöhnlichen Perspektiven zu erzählen. Meist sind unsere Geschichten hyperlokal, und haben zugleich globale Resonanz. Oft sind sie inspiriert von wahren Ereignissen. Es gibt so viele spannende Autoren, die uns das Leben vor der eigenen Haustür in einem ganz neuen Licht erscheinen lassen. 

Herr Winger, herzlichen Dank für das Gespräch.