Wenn sich Carolyn McCall, Vorstandsvorsitzende des britischen TV-Konzerns ITV, öffentlich über die starken Einschaltquoten der Miniserie "Bodyguard" bei der öffentlich-rechtlichen BBC freut, muss etwas Außergewöhnliches passiert sein. Man stelle sich vor, Anke Schäferkordt würde der ARD zu Spitzenquoten einer neuen Serie gratulieren, die auch noch ausgerechnet gegen eine neue Serie bei RTL läuft, deren Quoten darunter leiden. Des Rätsels Lösung: Es war ITV Studios, die für BBC One die erfolgreichste britische Serie seit Beginn der heutigen Quotenmessung im Jahr 2002 produziert haben. Willkommen zu "Bodyguard", einer Serie, die im Zeitalter von On-Demand-Angeboten in Großbritannien ein TV-Lagerfeuer erzeugt hat, noch stärker als der "Tatort" bei uns. 

Die Serie von Jed Mercurio erzählt die Geschichte des Polizisten David Budd (gespielt von Richard Madden, "Game of Thrones"), einem verdienten Veteranen der British Army, der zurück in der Heimat als Bodyguard für einen hochrangigen Sicherheitsdienst der Londoner Metropolitan Police, der das Königshaus und Regierungsvertreter schützen soll. Er wird der umstrittenen Innenministerin Julia Montague (Keeley Hawes, "Line of Duty") zugeteilt, deren Politik für all das steht, was Budd verachtet.

Stark angefangen und zugelegt: Rekorde wohin man blickt

Die erste Episode am 26. August erreichte am Abend selbst 10,4 Millionen Zuschauer bei BBC One, die höchste Live-Quote seit dem Finale der zweiten "Downton Abbey"-Staffel bei ITV. Mit zeitversetzter Nutzung kam der "Bodyguard"-Auftakt auf 14,42 Millionen Zuschauer. Der BBC iPlayer feiert dank "Bodyguard"-Start den erfolgreichsten Tag seit Bestehen. Die Quotenkurve der ersten Folge war dann auch schon ein Indiz für den folgenden Erfolg: Sie erreichte den Höhepunkt in den letzten fünf Minuten der Auftaktfolge - der Wunschtraum eines jeden Serienmachers. Starke lineare Einschaltquote plus Rekord-Abrufzahlen on demand haben "Bodyguard" zum Talk of Town gemacht. 

Die finale sechste Folge lief am 23. September und endete inklusive zeitversetzter Nutzung auf einem Rekordlevel, was "Bodyguard" zur erfolgreichsten britischen Serie seit Beginn der heutigen Quotenmessung in Großbritannien im Jahr 2002 macht. Wie viele waren es nun? Das ist komplexer. Die Branche in Großbritannien muss sich noch an neue Quotendaten gewönnen, die die britischen Quotenmesser der BARB seit August diesen Jahres ausweisen. Schon länger gibt es zwar die nach 28 Tagen konsolidierte Quote mit zeitversetzter Nutzung über klassische TV-Empfangswege, doch seit August wird jetzt auch die Nutzung von "Online non-TV devices" berücksichtigt.

We’re back in the world of the watercooler – a bygone era when we all watched TV at the same time.

Zoe Williams, Redakteurin des "Guardian"

Nach vergleichbarer Messung kam das Finale von "Bodyguard" auf insgesamt 15,9 Millionen Zuschauer, nach neuer "4-Screen"-Messung sogar auf 17,7 Millionen - und das in einem Fernsehmarkt, der nach Zuschauern kleiner ist als der deutsche. Eine Reichweite von auf den deutschen Markt umgerechnet mehr als 20 Millionen Zuschauern müsste auch der "Tatort" erst einmal beweisen, wenn die AGF irgendwann einmal standardisierte Reichweitendaten für eine Nutzung über diverse Endgeräte hinweg anbieten kann. Fernsehmacher aus aller Welt sind verständlicherweise magisch angezogen von dieser Erfolgsgeschichte einer wöchentlich erscheinenden, fortlaufend erzählten Serie.

Zoe Williams, Redakteurin des britischen "Guardian", jubelte schon während der Staffel: "Bodyguard" sei eine Zeitreise zurück in Zeiten, in denen Fernsehserien ein nationales Ereignis sein konnten. In ihren eigenen Worten: „We’re back in the world of the watercooler – a bygone era when we all watched TV at the same time." Selbst in der von Entertainment verwöhnten britischen Hauptstadt gab es bei den späteren Folgen der sechsteiligen Miniserie, besonders aber zum Finale, sogar Public Viewings. Statt dem Fußballspiel des Tages kündeten die Kreidetafeln vor zahlreichen Londoner Pubs von der Übertragung einer Fernsehserie, die mit dem Mix aus Terror, Politik und Sex den Nerv der Zeit traf.

Bodyguard

"Bodyguard überraschte alle mit unglaublichen Einschaltquoten - sowohl bei den Quoten am nächsten Morgen wie auch den konsolidierten Werten mit zeitversetzter Nutzung, aber es hatte letztlich einfach alle Zutaten für einen Hit: großartige Schauspieler, Spannung, Risko, den Autoren von 'Line of Duty' und einen Sendeplatz am Sonntagabend auf BBC One", erklärt Jesse Whittock, Redakteur des britischen TV-Branchendiensts "Broadcast", gegenüber DWDL.de. Tempo, Dramatik und eine Thematik einerseits so beängstigend nah an der Realität, wenn auch frei von aktueller Politik, haben eine durch Bingewatching verlernte Vorfreude auf Fortsetzung generiert.

Eine Wiederbelebung des linearen Fernsehens

Williams fühlt sich an die frühen Tage von "24" erinnert, als Kiefer Sutherland in seiner Rolle des Jack Bauer erstmals im linearen werbefinanzierten Fernsehen einen solchen Hype um eine durcherzählte Geschichte verkörperte. Und "Bodyguard" ist in vielerlei Hinsicht ein Gegenentwurf zu den SVoD-Serien der jüngeren Jahre: Zeitliche Flexibilität, fast schon Länge, haben zu Erzählweisen geführt, die man in gelungener Form als episch oder tiefgründig feiern kann. Oft aber zieht es sich. Umso rasanter wirkt daher "Bodyguard", dessen Auftaktfolge schon ein Spektakel ist. 

Ein detaillierter Blick auf die Einschaltquoten offenbart einen weiteren wichtigen Aspekt für den unglaublichen "Bodyguard"-Erfolg: Bei den 16- bis 34-jährigen Frauen holte die Miniserie für BBC One Reichweiten, die sonst nur vom Reality-TV à la "Love Island" oder "Bake Off" erreicht werden. Ein Titel, der Erinnerungen an den legendären allerdings deutlich gemächlicherenn Film mit Whitney Houston weckt, steht bei der von ITV für BBC produzierten Serie weniger für Romantik aber natürlich ein von erotischer Spannung geladenes Verhältnis zwischen Beschützer und Beschützter - eine zusätzliche Ebene, die sich vom früher testosterongeladenen „24“ unterscheidet.

Welche Erkenntnisse lassen sich nun ziehen aus diesem unglaublichen Überraschungserfolg? Das Format der Miniserie allein ist nicht der Schlüssel, schließlich dominiert dieses Format in der britischen Fiction. Die Antwort muss also individueller sein, im Buch von Jed Mercurio und der Inszenierung der Regisseure Thomas Vincent und John Strickland liegen: Ihnen gelingt eine Erzählung mit Wendungen und Überraschungen bei sehr hohem Tempo, was zuletzt von Serienfans mehrheitlich als oberflächlich verpöhnt gewesen wäre.

Ganz elementar für den Erfolg, und da sind sich alle Beobachter einig, war aber die wöchentliche Ausstrahlung. "In Großbritannien hat ‚Bodyguard‘ sogar eine Wiederbelebung des linearen Fernsehen ausgelöst. Andere BBC-Serien wie ‚The Cry‘, ‚Doctor Who‘ und ‚Killing Eve‘ haben jetzt in den Wochen nach ‚Bodyguard‘ durch die Bank gute Quoten geholt", sagt Kollege Jesse Whittock von "Broadcast". Dabei schien das Warten auf eine neue Folge pro Woche in den letzten Jahren unter Serienfans fast als verpöhnt.

Die US-SVoD-Anbieter haben erfolgreich ihr Geschäftsmodell des Bingewatching neuer Serienstaffeln als neuen Standard vermittelt. Rückblickend wird aber "Bodyguard" in Großbritannien einmal eine der Produktionen sein, die den Gegentrend eingeläutet haben: Relevantes Fernsehen zu kreieren, über das alle miteinander sprechen können, weil man mehr oder weniger auf dem gleichen Stand ist. Amazon experimentiert schon hier und da mit wöchentlicher Veröffentlichung, Netflix wird folgen, auch wenn "Bodyguard" ab heute  in einem Rutsch deutschen Netflix-Nutzern zur Verfügung steht. Höchstwarscheinlich wird die Serie somit in Deutschland nicht ansatzweise ein so omnipräsentes Thema werden wie auf der Insel. Das sollte aber nicht die nachhaltige, strategische Bedeutung des Phänomens "Bodyguard" schmälern. Denn die mittelfristigen Auswirkungen werden dann auch bei uns zu spüren sein.