Es ist ein Donnerstagmittag. Das Wetter in Köln ist in etwa so trist wie das unspektakuläre Gebäude in der Innenstadt, in dem sich die Büros von Günther Jauchs Produktionsfirma I&U (Information & Unterhaltung) befinden. Auf dem Weg zu einem der Konferenzräume beginnen wir beiläufig das Gespräch mit einer Analyse der Einschaltquoten des Vortages. "Stern TV" lief gut, aber nicht ganz zur vollen Zufriedenheit, sagt Jauch. Wir bleiben bei der Sendung und beginnen damit, auch aus aktuellem Anlass, unser anderthalbstündiges Gespräch...
 
Herr Jauch, hatten Sie in den letzten Wochen Kontakt mit Herrn Wickert?

Jauch: Nein (lacht).

Das heißt, Sie haben auch nur aus der Presse entnommen, dass er Ihnen und "Stern TV" mit seiner Produktionsfirma über eine Drittanbieter-Lizenz Konkurrenz machen will?

Es steht jedem frei, sich auf die Lizenz zu bewerben. Das bringt uns nicht aus der Ruhe. Es gab ja auch in der Vergangenheit immer mal wieder andere Interessenten, wobei wir ja im Grunde auch nur Untermieter sind. Schauen wir also, ob der Hauptmieter Alexander Kluge mit seiner DCTP die Lizenz verlängert bekommt.

Sie bleiben aber sein Untermieter?

Da gibt es ein Einverständnis. Die Alternative wäre ja, dass wir uns lösen und selbst eine Lizenz beantragen. Aber da haben wir momentan keine Ambitionen. Ich glaube, dass alles in guten und bewährten Händen ist.

Gut und bewährt könnte man auch mit unverändert ersetzen: "Stern TV" hat sich in den vergangenen zehn Jahren kaum gewandelt...

Was sich bei "Stern TV" tatsächlich von der ersten Sendung bis heute durchzieht, also immerhin über 18 Jahre, ist das Prinzip der Wundertüte. Wir hatten von Anfang an eine Bandbreite, von der man erst sagte, dass das nicht zusammenpassen kann. Aber wir haben auch 2007 im Vergleich zu 2006 um 13 Prozent zugelegt. Finden Sie im heutigen Markt erst einmal jemanden mit ähnlichem Erfolg. Wir sind fast jeden Mittwoch Marktführer.

Also ist das Erfolgsrezept von "Stern TV" seine Kontinuität, die keiner großen Veränderung bedarf?


Man muss natürlich immer über Veränderungen nachdenken und wenn Sie sich die Beiträge von vor fünf oder zehn Jahren anschauen, dann sehen Sie, dass das heute schon anders und vor allem viel aufwändiger produziert ist. Aber nach wie vor gibt es für uns kaum ein Thema, bei dem ich von Haus aus sagen würde, dass es für uns nicht in Frage kommt. Mit Ausnahme von platten Erotikthemen, die mich schon in der etwas wirren Anfangszeit zu Beginn der 90iger Jahre eher peinlich berührt haben.

Gibt es bei den Themen einen Trend, den man aus dem Erfolg des letzten Jahres ableiten kann?

Wir analysieren natürlich jede Sendung, aber so einfach ist es leider nicht. Das gleiche Thema kann mal gut laufen, mal schlecht. Diese Erfahrung gibt es ja auch im Print-Bereich. Ich habe vor Jahren einmal Stefan Aust beim "Spiegel" besucht, der an einer Wand alle Titelbilder des Jahres mit den entsprechenden Verkaufszahlen hängen hatte. Und als ich nach dem erfolgreichsten und nach dem am schlechtesten verkauften Titel fragte, war beide Male Hitler das Thema. Vor ein paar Jahren gab es beim "Stern" mal eine Story a la "Mein Freund, der Hund", das lief wahnsinnig gut. Einige Wochen später folgte sinngemäß "Meine Freundin, die Katze" und das hat überhaupt nicht funktioniert. Wenn die Themenwahl so einfach wäre, dass man oben 2 Euro in den Automaten reinwirft und unten kommen 5 Euro raus, dann wüssten wir alle, wie's geht. So ist es aber nicht - zum Glück, denn das macht die Sache erst spannend.
 
Foto: RTL
 
 
Mich wundert, dass "Stern TV" kaum Wettbewerber hat. Insbesondere bei den guten Quoten in 2007...

Es wundert mich auch. Aber man muss eines sagen: Talkshows haben im deutschen Fernsehen die Magazine verdrängt. Weil ein Magazin teuer ist. Bei einer Talkshow müssen sie vielleicht kurzfristig einen Gast austauschen, was aber deutlich billiger und flexibler ist als wenn sie mehrere Mitarbeiter an einen Beitrag setzen, der nachher nie ausgestrahlt wird, weil sie aus aktuellem Anlass einen neuen produzieren, der natürlich auch neu recherchiert und gedreht werden muss. Es ist im Grunde ein Anachronismus, dass wir im Privatfernsehen über eindreiviertel Stunden auf Sendung sind und die ARD ihre Magazine auf 30 Minuten gekürzt hat.

Wechseln wir von "Stern TV" zu "Wer wird Millionär": Wie lange wird es die Sendung noch geben? Die Quoten sinken langsam aber sicher immer weiter...

Aber die Flughöhe liegt noch immer sehr hoch über den Wolken. Fast jede Sendung hat mit Abstand die meisten Zuschauer vor jedem anderen Programm. Wir sind praktisch immer Marktführer bei den Zuschauern ab 3 Jahren und noch immer sehr oft bei den 14- bis 49-Jährigen. Und das im neunten Jahr nach über 750 Sendungen. Flugtechnisch würde ich das als einen stabilen Gleitflug ohne Absturzgefahr definieren. Die inhaltlichen und quotenmäßigen Tiefflieger finden Sie woanders.

Dann anders gefragt: Wie lange wollen Sie denn "Wer wird Millionär" noch machen?

Ich denke ja inzwischen gern in kürzeren Abständen, zumal wir durch "Die Anwälte" wissen, dass Sendungen innerhalb einer Woche Geschichte sein können (lacht). Mein momentaner Ehrgeiz ist das zehnjährige Jubiläum von "Wer wird Millionär" im Herbst 2009. Das wäre schon ganz schön - gerade bei der Frequenz der Ausstrahlung. "Wetten, dass..?" oder Kulenkampff hatten ja nicht ansatzweise so viele Sendungen. Der Sender argumentiert zu Recht, dass er mit dem Klammerbeutel gepudert sein müsste, wenn er das Format absetzen würde. Ich muss aber auch entscheiden, wann es für mich persönlich genug ist. Man sollte ein Format nicht zwangsläufig zu Tode reiten. Es würde schwierig, wenn der persönliche Spaß an der Sache zu bröckeln begänne - was im Moment aber noch nicht der Fall ist. Es passiert auch ständig etwas Neues. So hat sich letzte Woche eine Kandidatin vor lauter Aufregung einfach auf meinen Stuhl gesetzt und den Irrtum lange nicht bemerkt. Ich musste Sie erst mit "Frau Schlämmer" anreden und ab dem Moment war sie völlig durch den Wind. Abgesehen davon: Es gibt dieses Handschlagverhältnis mit RTL. Für "Wer wird Millionär" habe ich keinen Vertrag. So gesehen versprechen wir uns immer nur von Woche zu Woche. Und da könnte jeder jederzeit einen Rückzieher machen. Vielleicht funktioniert es auch deswegen gerade so gut, weil so beide Seiten immer ihr Bestes geben.

Trifft es Sie, wenn inzwischen selbst das allgemein schwächelnde Sat.1 mit seinen Montagsfilmen inzwischen oft erfolgreicher ist als "Wer wird Millionär"?

Ich kann nachvollziehen, dass jüngere Zuschauer bei familienaffinen Spielfilmen bei Sat.1 sagen "Okay, 'Wer wird Millionär' kann ich auch am Freitag wieder sehen". Das Gefühl, ich verpasse bei "Wer wird Millionär" jetzt gerade in dem Moment etwas, das nicht mehr wiederholbar ist, hat sich natürlich nach neun Jahren etwas abgenutzt.